zelzius

Redet mit mir!!!

In Kommunikation on März 5, 2010 at 9:55 am

Warum ist es eigentlich oftmals leichter, als Medizinjournalist Rückmeldung von einem Ansprechpartner in Skandinavien oder den USA zu finden als in Deutschland? Ich habe da meine eigene Erklärung – nicht ungefärbt von meinen Erfahrungen als Pressereferentin eines Uniklinikums. Deutsche Mediziner (Wissenschaftler möchte ich davon ausnehmen) haben in der Regel keine Ahnung vom Umgang mit der Presse. Die Presse ist lästig, nimmt Zeit und verdreht die Fakten. Ich habe Fälle erlebt, in denen Auskünfte an die Presse Ärzten die Karriere geknickt haben. Gewisse häufig gelesene Zeitungen schicken ja auch als Angehörige getarnte Journalisten in die Klinik, um so herauszufinden, ob ein prominenter Patient noch atmet oder nicht. „Schnell, der Papst kriegt einen Luftröhrenschnitt, sagen Sie mir, wie sowas geht“, „Schnell, sagen Sie mir, warum man fünf Scheiben Toastbrot nicht in einer Minute runterschlucken kann?“, „Schnell, sagen Sie, kann Prinzessin X angesichts der kleinen Rundung unterm Bauchnabel schwanger sein oder nicht?“. Auch beliebt: „Haben Sie mal schnell einen Sex-Experten für mich?“. Hey, das sind alles legitime Fragen. Antworten sie darauf. Merken sie sich den Namen des Journalisten und seines Mediums. Wenn sie dann mal wirklich ernsthafte Themen haben, die ihrer Meinung in die Öffentlichkeit sollten, haben sie einen Ansprechpartner bei der Presse. Wenn sie keine Auskunft geben, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn die Stühle bei ihren Pressekonferenzen leer bleiben. Aber es geht natürlich noch viel weiter und das wissen die Schweden und Amis schon lange: Landet mein oder der Name meiner Institution bzw. Arbeitsgruppe besonders häufig in der Presse, wachsen wahrscheinlich meine Chancen, dass Forschungsanträge bewilligt werden. Ebenso wachsen die Chancen, dass mein Forschungsthema populärer wird, sprich in Kürze mehr Forschungsgelder locker machen könnte. Feiner ausgedrückt: Wer öffentliche Gelder als Arzt oder Wissenschaftler bekommt, hat auch die Pflicht, auf öffentliche Fragen zu antworten. Das Volk zahlt, das Volk will was dafür zurück. Wenn plötzlich alle Medien über die Forschungsergebnisse eines Neuroökonomen schreiben, wird *puff* dieses ehemalige Außenseiterthema zum In-Thema. Das geschieht selten „einfach so“. Die Forschung greift populäre Frage auf (im Zuge der Wirtschaftskrise beispielsweise: Kann man Schwindler per Gehirnscan erkennen?), eine engagierte Pressestelle fasst sie spiegel.de und Co-tauglich in griffige Texte, platziert sie dort, wo alle Medizinjournalisten hinschauen (eurekalert, idw), schickt noch ein passendes Profi-Bild mit und ab geht die Post. Hat eigentlich schon jemand untersucht, wie sich effiziente Pressearbeit auf das Einwerben von Forschungsmittel auswirkt? Darüber würde ich gerne eine Doktorarbeit schreiben (Falls das hier eine potenzielle Doktorvatermutter liest, bitte melden). Wer jetzt übrigens denkt „oh je, die Presse wird manipuliert …“, verschließt die Augen vor der Realität. Außerdem sind wir nicht so dumm, uns wirklich nur von den Pressestellen wie Vieh auf der Weide von einer grünen Wiese zur nächsten schieben zu lassen (naja …. muss ich wirklich nochmal drüber nachdenken). Also, ich suche immer auch außerhalb von Eurekalert und „den-kann-man-sich-sowieso-in-den-Schuh-schieben-„ IDW. Ich finde dort interessante Sachen. Aber dieser Fund kostet mich zehnmal mehr Zeit als der auf der grünen Eureka-Weide. Und oft werden diese Themen von den Redaktionen abgelehnt (sind nicht Phase III oder relevant genug. Die Pressestellen der Journals wissen schon, warum, sie was an Eureka schicken). Das ist also eher mein Zusatzspaß. Vielleicht sollte ich hier mal davon berichten. Ich hab da schon was im Kopf.

(Foto: himberry/photocase)

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