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Archive for the ‘Ehrgeiz’ Category

Here is the shovel, now bury your dream

In Ehrgeiz, Journalismus on Februar 17, 2015 at 8:41 pm

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A short note on self-marketing. Every freelancer and especially every journalist takes classes in self-marketing. Me too. According to whatever book or guru, the heart of self-marketing is to find out what you really really want. Deep down. (The popular book that is going around right now: Don´t be who you are, be who you want to be). Let´s say, you always wanted to combine a sushi café and a blues bar. Well, if you really really want it, you probably will be good at it. Open up a sushi blues bar, practice your two-five-ones, and let the algae roll. Or more often: write a book, write for the New Yorker, start an organic farm, start a business to replace plastic, develop an app that can tell you which plant you are looking at, advise developers of computer games on ancient Greek history, start a children’s book plus app editing firm, become a gallerist (very popular), become a yoga teacher, study at Harvard, start a vegan wellness farm (I just made that one up), spend the winter months as a renowned international journalist in Key West, be (omg) an artist.

But here is the bad part. To drag them out of fantasy land into reality it costs real money, and real time. So far, none of the above fantasies have become true, despite hard wishful thinking and even a bit of doing. Usually the self-marketing victim spends a couple of months or years on her idea. They work on their brilliant idea in their spare time. It takes up their nights, weekends, and half of their already meager income or the inheritance from their hard-working parents. The screenplay sits half-written in the drawer, or else it has already been rejected half a dozen times. Key West turns out to be a depressing place if you are not as rich as Hemingway’s wife, and the rent of the yoga studio is twice what your yoga class brings in. The book project ended up on the couch of a well-paid psychoanalyst. The truth is, some make it, most don´t. But the latter get told they have to try, and spend their money on trying. First, on those classes, then on websites, image videos, social marketing, photos, brochures, more education, elevator pitch classes, crowdsourcing strategies, networking cloths, expensive domains such as keywest-media.com. Then there’s the sun studio, permanent makeup, business cards, Christmas postcards to potential clients, haircutters, cool glasses, voice training, and advanced body language. All for nothing. My advice: be who you are, an average shmuck, and spend your time and money on something that makes more sense; a trip to the Bahamas, a comfortable bed, a voucher for a three star restaurant for your parents 60th wedding anniversary. Whatever, but stay out of lala-land.

Plus, when you wake up a sleeping dream – let’s say, to start a noncommercial podcast on public health with the intent of mobilizing people to fight against health inequality, and you work hard for it, and it fails, then disappointment sets in. Let me put that into perspective with an analogy from the medical world. You have a terrible migraine, and you take a homoeopathic pill against it. It doesn´t do anything. Now you take a couple of ibuprofen: because the first pill didn’t do a damn thing, the ibruprofen is less effective. It is all operant conditioning. And just to remind my readers: I did my PhD on that. Every treatment that raises hopes, but fails, makes it harder and harder for the next treatment to work. So be careful, be very careful with raising hopes, with experimental therapies, with dream your dream classes.

To make it short: I offer for all self-marketing-class-victims a course on “how to become who you are (mediocre like all of us but yet somehow lovable)” and stop dreaming. I promise a great side effect. Your bank account will grow, and you will have more free weekends, relaxed evenings, and less disease-inducing status/happiness/fame envy.
20.8.-21.8.2015: “Bury your dream”, weekend class with expert Fabienne Hübener, on the North Cemetery, Munich. Bring a shovel. http://www.buryyourdream.com

 

Photo: Jewe! / photocase.de

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Ich und Scarlett

In Ehrgeiz, Neid, Vom Winde verweht on November 10, 2010 at 9:16 pm

Mal was Ernstes: Andere können alles besser als ich. Besser schreiben, besser singen, besser aussehen, besser denken, besser verdienen, besser glücklich sein, besser – spinnen Sie einfach den Faden weiter. Das Schlimme daran: Ich bin so furchtbar ehrgeizig. Ich würde nämlich gerne auch besser sein als andere. Aber es gibt Dinge, und je älter ich werde, desto mehr gibt es, die kann ich einfach nicht, nicht mal halb gut, erst recht nicht besser. Was tun?
Als ich klein war, war das einfach. Auf meinen Geburtstagen habe ich mir Wettbewerbe ausgedacht, in denen garantiert keiner besser sein konnte als ich. Das waren abstruse Dinge, die außer mir niemand in seiner Freizeit intensiv und zielgerichtet übte. Ich schon: in der Hocke durch den Raum hüpfen, endlos Rad schlagen, ohne Armbewegungen schwimmen, irgendwas halt, wo im Leben niemand drauf kam, gut drin sein zu wollen. Im Alter wird das schwierig. Selbst bei den verrücktesten Ideen, und jetzt sind wir bei der Kunst, hat es meist schon jemand zuvor und meist auch noch jemand verrückter gemacht. Jetzt könnte man gut gemeinten Ratschlägen folgen und denken, na ja, im ich sein ist niemand so gut wie ich. Sie einfach ganz doll du selbst, das macht dir keiner nach. Das zieht aber nicht. Man kann sich nur in etwas messen, was mindestens zwei in der Welt können. Niemand schlägt mich im Fabienne-sein. Kein Schwein will mich darin schlagen.

Peinlicher als Pippi
Sie merken von was ich rede. Von Neid. Richtig gelbem, schmerzenden, pulsierenden, bösem Neid. Total verpönt das Gefühl. Ich möchte dafür eine Lanze brechen. So wie Sloterdijk eine für den Zorn, mein zweitliebstes Gefühl bricht, möchte ich eine für den Neid brechen. Denn er verbindet. Nur wenn ich mich messe, kann ich mich in jemanden einfühlen. In sein Glück, seinen Stolz. Aber auch seinen Misserfolg, seinen Kummer. Nur der Neid macht, dass wir uns noch mal hinsetzen und am Text feilen, büffeln, pauken, streben, recken, gieren. Nicht der Perfektionismus, der gerade Konjunktur hat. Perfekt will ich nur sein, kann ich nur sein, wenn neben mir eben jemand nicht so viel bringt, ein kleines Quäntchen an Anstrengung auslässt. Das gilt natürlich nur, wenn messen möglich ist. Wenn man in der gleichen Liga spielt. Manche spielen woanders. Haben ein Talent, an das keiner rankommt. Können schnelle Autos besonders schnell im Kreis fahren. Darauf bin ich nicht neidisch, aber der Vergleich zeigt mir, wie idiotisch der Neid ist.
Ich beneide keinen Fußball- oder Formel 1-Star, aber sonst so ziemlich alles. Und mir stehts ins Gesicht geschrieben. Ich gebs auch offen zu, auch wenn wirklich peinlich ist. So als hätte ich grad gesagt, ich hab mir in die Hose gemacht. Nein, noch peinlicher. Denn Neid ist noch verpönter als Pippi. Ich mein, das gibt’s doch nicht, dass ich damit alleine hier rumlaufe. Das gibt’s doch einfach nicht. Ich glaub nicht, dass das bei mir krankhaft ist. Oder doch?

„Frankly, my dear, I don’t give a damn
Nein, nein. Sonst hätten nicht so viele Menschen „Vom Winde verweht“ gelesen. Mein Lieblingsbuch. Wie Scarlett neidisch auf Melanie ist. Weil sie ihren Geliebten abkriegt, weil Melanie aufrichtig und gut, lieb und milde ist. Während Scarlett, ja eben, neidisch, zornig und ungerecht ist. Genauso wie ich und ich vermute ganz viel andere, die es nicht zugeben, sich abschotten gegen dieses feiste Gefühl. Das völlig unterbewertet ist.
Ich spüre, es ist an der Zeit, dieses Gefühl (denn es war noch nicht dran im Reigen der Erklärung) als Grund für die explosionsartige Gehirnentwicklung des Menschen herzunehmen. Nicht der aufrechte Gang, nicht die beweglichen Hände, nicht die sozialen Herausforderungen des Gruppenlebens. Nein, der Neid war unsere evolutionäre Triebfeder. Ich wünschte, ich könnt das so schön wie Sloterdijk mit der Ilias erklären, aber bin ein Geschichtsbanause. Nicht mal mein Lieblingsautor Henry Miller passt hier. Es bleibt einfach bei Margaret Mitchell, der Autorin von „Vom Winde verweht“. Und sie schließt mit dem entscheidenden Satz, mit dem alle Neider enden: After all, tomorrow is another day.

(Foto: Miss X / Photocase)