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Ich bin bi

In Elektronik, Lesen, Schreiben on Januar 27, 2012 at 11:27 pm

photocase_spacejunkie

Blättern ist toll, Papier riecht gut und zerlesene Bücher machen mich glücklich. Das kann das Kindle ja alles nicht bieten. Auch meiner Lieblingsbeschäftigung, in der Badewanne lesen, kann ich damit nicht nachgehen. Macht nix. Ich hab noch genug Bücher zu Hause rumstehen, für weitere 3500 ist jetzt Platz auf dem Kindle. Die Vorteile: Allein das Inderhandhalten des Kindles fühlt sich so an, als sei man absolut up to date. Papierleser sind von gestern. Ich bin von morgen.

Tatsächlich fällt mir das Umstellen auf Papier inzwischen schwer. Das Kindle-Schriftbild ist gestochen scharf, die Buchstabengröße passt sich meinen Bedürfnissen an (riesig groß), ich werde nie wieder vergessen, auf welcher Seite ich stehen geblieben bin. Ich werde nie mehr im Autotunnel das Lesen aufhören (integrierte Lampe im Kindle-Etui). Ich schleppe nie wieder viele Bücher mit in den Urlaub oder durch die Gegend. Ich werde mich dank kostenloser Probeartikel nie wieder nach den ersten Seiten ärgern, dieses Buch gekauft zu haben. Schon ganz schön viel Plus.

Es kommt noch dicker. Ich werde nie wieder auf der Suche nach einem Satz (ich lese viele Fachbücher) ein ganzes Buch durchblättern müssen. Einfach Wort eingeben und Kindle zeigt die entsprechenden Seiten an. Ich unterstreiche im Kindle per Knopfdruck und kann mir die Zitate anschließend mit Seitenzahl ausdrucken lassen. Weg mit den vielen ausgelutschten Eddings. Falls ich Lust hab, seh ich auch noch, was andere Leute interessant fanden und unterstrichen haben (mein Gott, seid ihr kitschig). Ach, und es gibt haufenweise Gratis-Bücher von Darwin bis Dickens.

Die Nachteile: Ich hab zwar das gute Gefühl von morgen zu sein, aber das ungute, dass Mr. Amazon weiß, was ich gerade lese, was ich unterstreiche und wer weiß was noch alles (die Frau braucht eine Brille). Unverschämter- und unverständlicherweise kosten die Kindle-Bücher kaum weniger als die Papierbücher. Kapier ich schlicht nicht. Es hieß doch immer, der Druck ist im Vergleich zu den Autorenhonoraren viiiiiiel teurer. Haben sich jetzt die Autorenhonorare verbessert? Falls ja, würd ich ja gerne zahlen, aber ich hab da meine Zweifel.

Außerdem kann ich mein Kindle nicht bequem wie ein Buch verleihen. Wirklich Geld spare ich also nicht. Nicht mal unwirklich. Zudem gibts erst sehr wenig Bücher im Kindle-Store, nur viel US-Bestseller-Gedöns. Zum Beispiel nicht Olga Tokarczuk oder anderes Anspruchsvolles aus der Welt vor dem großen Teich. Zum Verschenken ist so eine E-Book-Datei ja auch nichts.

Fazit: Ich bin bi – ich werde weiterhin Papierbücher lesen und ebenso das Kindle (es sei denn, mir schenkt jemand ein iPad). Ich hör schön, wie die Nähte von Mr. Amazons Taschen platzen … Und hin und wieder gehe ich auf den Flohmarkt und kauf mir „Sei mein Freund, kleiner Seehund“, damit ich mir einbilden kann, Amazon weiß nicht wirklich alles über mich. Allerdings hätte ich die Rezension dann wohl eher an die Kloowand schreiben sollen.

Dieser Text stand wochenlange auf der Amazon Top Ten-Liste der beliebtesten Kindle-Rezensionen. Seltsam, wo man zu Ruhm kommt.

(Foto: photocase/spacejunkie)

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