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Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

In soziale Mobilität on Januar 23, 2015 at 8:12 pm

Grany187_photocase

Ich bin ein Schmuddelkind. Obwohl ich in die Oberstadt zu meinem Bruder gezogen bin. Hat nichts genutzt. Von was ich jetzt wieder rede. Von sozialer Mobilität (und diesem Song hier). Jetzt ist einfach mal Schluss mit der Vorstellung, dass man Kraft seines Geistes, seiner Intelligenz, seines Fleißes auch einen guten Platz am Trog bekommt.

Um an den Futterplätzen der gehobenen Mittelschicht anzukommen, braucht man keinen Geist. Man braucht Manieren und das zuckersüße, unbestimmbare Gefühl: Ich gehör dazu, ich bin da rein geboren, ich verdiene das. Erzählt man einer Schulklasse, dass Kinder mit blonden Haaren und blauen Augen schlecht in Mathe sind, schneiden die Blonden und Blauäugigen in der nächsten Matheklausur schlechter ab. Umgekehrt: Erklärt man schwarzen Studenten in den USA, dass der Einstieg an der Uni schwer ist, aber dass es allen anderen auch so geht, schneiden sie später genauso gut ab wie weiße Studenten.

Du leistest, was du dir und was dir die Gesellschaft zutraust. Eigentlich schön. Nur: Subtil sagen die, die traditionsgemäß das Sagen haben: Die mit dem falschen Stallgeruch, die könnens eher nicht schaffen. Die, die nicht wissen, wozu die vielen Gabeln im Ein-Sterne-Restaurant gut sind, könnens nicht schaffen. Die, die nicht den Unterschied zwischen Fuge und Kantate kenne, nicht in die Oper gehen, die sich nicht die Serviette auf den Schoß legen. Eben die, die nicht schon von Mutterleib gelernt haben, wie man sich unter ihresgleichen – der gehobenen Mittelschicht – zu benehmen hat.

Sicher, in der Scheune mit den Schmuddelkindern macht es mehr Spaß als in der Oberstadt. Aber irgendwann gehen die Kinder nach Hause und da gibts wieder nur Fertigpizza und Cola. Dann werden sie fett. Kinder aus sozial benachteiligen Schichten werden siebenmal häufiger dick als andere. Dann sieht man Scheiße aus und keiner will mit einem spielen. Dann fängt man das Rauchen an und setzt sich vor Frust vor die Daddelmaschine.

Dann kriegt man Diabetes, keinen Job und Hartz 4. Dann hat man noch weniger Freunde. Weniger Freunde erhöhen das Risiko für alle möglichen Erkrankungen, unter anderem Herzinfarkt. Die gehobene Mittelschicht sitzt beim Italiener und nagt an Salatblättern. Die ersten Krankenhausaufenthalte, noch eine mittelgradige Depression dazu und schon ist das Leben der Schmuddelkinder mit Anfang 60 fast rum. Während die Salatnager sich drüber aufregen, dass die Unterschicht so ungesund isst und sich nicht ausreichend bewegt. Dann beißt Mr. Schmuddelkind mit 64 ins Gras. Zehn Jahre vor Mr. Salatnager. Und es kann doch nicht nur mein subjektives Gefühl sein, dass daran etwas so grundsätzlich falsch ist, dass es zum Himmel stinkt. Stall oder Palastgeruch, das ist die wahre Frage.

Und wer das jetzt nochmal in gewählter Sprache nachlesen will, wird hier fündig: Michael Marmot: The Status Syndrome.

Und hier die aktuelle Meldung dazu: (Materielle Deprivation und Gesundheit von Männern und Frauen in Deutschland Ergebnisse aus dem Sozioökonomischen Panel 2011; Timo-Kolja Pförtner, Uni Köln; Bundesgesundheitsbl 2015 • 58:100–107, DOI 10.1007/s00103-014-2080-7). Das PDF gibt es leider nicht frei Haus.

Foto: photocase / grany187

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