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Ich und Scarlett

In Ehrgeiz, Neid, Vom Winde verweht on November 10, 2010 at 9:16 pm

Mal was Ernstes: Andere können alles besser als ich. Besser schreiben, besser singen, besser aussehen, besser denken, besser verdienen, besser glücklich sein, besser – spinnen Sie einfach den Faden weiter. Das Schlimme daran: Ich bin so furchtbar ehrgeizig. Ich würde nämlich gerne auch besser sein als andere. Aber es gibt Dinge, und je älter ich werde, desto mehr gibt es, die kann ich einfach nicht, nicht mal halb gut, erst recht nicht besser. Was tun?
Als ich klein war, war das einfach. Auf meinen Geburtstagen habe ich mir Wettbewerbe ausgedacht, in denen garantiert keiner besser sein konnte als ich. Das waren abstruse Dinge, die außer mir niemand in seiner Freizeit intensiv und zielgerichtet übte. Ich schon: in der Hocke durch den Raum hüpfen, endlos Rad schlagen, ohne Armbewegungen schwimmen, irgendwas halt, wo im Leben niemand drauf kam, gut drin sein zu wollen. Im Alter wird das schwierig. Selbst bei den verrücktesten Ideen, und jetzt sind wir bei der Kunst, hat es meist schon jemand zuvor und meist auch noch jemand verrückter gemacht. Jetzt könnte man gut gemeinten Ratschlägen folgen und denken, na ja, im ich sein ist niemand so gut wie ich. Sie einfach ganz doll du selbst, das macht dir keiner nach. Das zieht aber nicht. Man kann sich nur in etwas messen, was mindestens zwei in der Welt können. Niemand schlägt mich im Fabienne-sein. Kein Schwein will mich darin schlagen.

Peinlicher als Pippi
Sie merken von was ich rede. Von Neid. Richtig gelbem, schmerzenden, pulsierenden, bösem Neid. Total verpönt das Gefühl. Ich möchte dafür eine Lanze brechen. So wie Sloterdijk eine für den Zorn, mein zweitliebstes Gefühl bricht, möchte ich eine für den Neid brechen. Denn er verbindet. Nur wenn ich mich messe, kann ich mich in jemanden einfühlen. In sein Glück, seinen Stolz. Aber auch seinen Misserfolg, seinen Kummer. Nur der Neid macht, dass wir uns noch mal hinsetzen und am Text feilen, büffeln, pauken, streben, recken, gieren. Nicht der Perfektionismus, der gerade Konjunktur hat. Perfekt will ich nur sein, kann ich nur sein, wenn neben mir eben jemand nicht so viel bringt, ein kleines Quäntchen an Anstrengung auslässt. Das gilt natürlich nur, wenn messen möglich ist. Wenn man in der gleichen Liga spielt. Manche spielen woanders. Haben ein Talent, an das keiner rankommt. Können schnelle Autos besonders schnell im Kreis fahren. Darauf bin ich nicht neidisch, aber der Vergleich zeigt mir, wie idiotisch der Neid ist.
Ich beneide keinen Fußball- oder Formel 1-Star, aber sonst so ziemlich alles. Und mir stehts ins Gesicht geschrieben. Ich gebs auch offen zu, auch wenn wirklich peinlich ist. So als hätte ich grad gesagt, ich hab mir in die Hose gemacht. Nein, noch peinlicher. Denn Neid ist noch verpönter als Pippi. Ich mein, das gibt’s doch nicht, dass ich damit alleine hier rumlaufe. Das gibt’s doch einfach nicht. Ich glaub nicht, dass das bei mir krankhaft ist. Oder doch?

„Frankly, my dear, I don’t give a damn
Nein, nein. Sonst hätten nicht so viele Menschen „Vom Winde verweht“ gelesen. Mein Lieblingsbuch. Wie Scarlett neidisch auf Melanie ist. Weil sie ihren Geliebten abkriegt, weil Melanie aufrichtig und gut, lieb und milde ist. Während Scarlett, ja eben, neidisch, zornig und ungerecht ist. Genauso wie ich und ich vermute ganz viel andere, die es nicht zugeben, sich abschotten gegen dieses feiste Gefühl. Das völlig unterbewertet ist.
Ich spüre, es ist an der Zeit, dieses Gefühl (denn es war noch nicht dran im Reigen der Erklärung) als Grund für die explosionsartige Gehirnentwicklung des Menschen herzunehmen. Nicht der aufrechte Gang, nicht die beweglichen Hände, nicht die sozialen Herausforderungen des Gruppenlebens. Nein, der Neid war unsere evolutionäre Triebfeder. Ich wünschte, ich könnt das so schön wie Sloterdijk mit der Ilias erklären, aber bin ein Geschichtsbanause. Nicht mal mein Lieblingsautor Henry Miller passt hier. Es bleibt einfach bei Margaret Mitchell, der Autorin von „Vom Winde verweht“. Und sie schließt mit dem entscheidenden Satz, mit dem alle Neider enden: After all, tomorrow is another day.

(Foto: Miss X / Photocase)

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